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Christa & Stefan Haberl

Die Waldmenschen
von Borneo

Indonesien 🇮🇩

Besuch bei Orang Utans

Tangjung Puting, Jänner 2018

Mit dem Queren des Äquators sind wir mitten in der Regenzeit gelandet. Bei strömendem Regen sind wir noch vor ein paar Tagen in Jakarta in einem Café gesessen und haben lange überlegt, wie es jetzt weitergehen soll. Nach einigem Hin und Her haben wir uns trotz der ungünstigen Jahreszeit dazu entschlossen, ein Schiff nach Kumai in Borneo zu nehmen, um dort eine Tour auf einem Hausboot in den Urwald Kalimantans zu machen.

 

Langsam tuckern wir jetzt auf unserem Klotok den Sekonyer Fluss hinauf. Die Bäume links und rechts des Ufers werden immer höher, der schwarz gefärbte Fluss wird immer schmäler. Vom Dach des Hausboots aus können wir schon nach den Ästen greifen. Grillen zirpen, Vögel machen einen Radau im Blätterdach. Obwohl es bedeckt ist, ist es heiß und schwül. Der Regen steht förmlich in der Luft.

 

Wir können es fast nicht glauben, wie schnell wir im Dschungel gelandet sind. Vor ein paar Stunden hat uns unser Guide Moncos in dem kleinen Dorf Kumai auf dem zweistöckigen Holzboot willkommen geheißen. Außer ihm und dem Kapitän ist auch noch eine Köchin und ein Schiffsjunge an Bord. Jetzt sitzen wir alle an Deck und Moncos erzählt über den Tanjung Puting Nationalpark, in den wir gerade unterwegs sind. 

Hedi hält Ausschau nach Tieren

Wir warten gespannt, was passiert, nachdem der Ranger das Futter verteilt hat

Er selbst ist mit seinem Vater, seiner Mutter und seinen acht Geschwistern im Urwald aufgewachsen und hat viele interessante Geschichten auf Lager. Hedi und Mavie bestürmen ihn mit Fragen, Christa und Stefan übersetzen vom Englischen ins Deutsche: Nein, eine Hütte haben sie keine gehabt, die Familie ist alle zwei Monate weitergezogen. Ja, er selbst hat mit einem Blasrohr schon als kleiner Bub Vögel geschossen. Nein, im Dorf waren sie nie. Was hätten sie dort auch tun sollen? Sie hatten ja kein Geld. Und ja, natürlich ist er immer von Mücken gestochen und von Blutegeln gebissen worden. Gespannt hören wir zu und bekommen ein wenig Einblick in seine fremde Welt.

 

Wir sind auf dem Weg zu einer der Futterstellen, die die Parkranger im Nationalpark betreiben. Im gesamten Park gibt es noch an die 6.000 Orang Utans, die meisten von ihnen wachsen komplett wild auf. Jedes Jahr werden in ganz Indonesien aber noch immer Jungtiere gefunden, die illegal als Haustiere gehalten werden. Diese Orang Utans werden dann aufgepäppelt und langsam an das Leben im Wald gewöhnt. Die Tiere lernen schnell, selbstständig nach Essen zu suchen, erzählt Moncos. Für den Notfall können sie sich aber bei den Futterstellen einmal pro Tag mit Bananen und Maiskolben eindecken. Eigentlich sei es ja ein gutes Zeichen, wenn wir heute keine Orang Utans zu Gesicht bekommen, meint er. Hedi und Mavie ist die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben. Aber, bemüht er sich rasch hinzuzufügen, die Zeit sei günstig. Viele Früchte werden erst in einem Monat reif, zur Zeit herrscht Futterknappheit im Wald.

 

Nach ungefähr drei Stunden legen wir bei einem kleinen Steg an. Es regnet, als wir unsere Wanderung in den Wald hinein beginnen, aber das dichte Blätterdach über uns hält die meisten Tropfen ab. Nach ungefähr einer halben Stunde sind wir bei unserem Ziel angelangt. Jetzt während der Regenzeit kommen nur wenige Touristen in den Park. Mit uns sind lediglich drei andere Boote unterwegs, insgesamt sind keine 10 Leute hier. Wir warten gespannt, was passiert, nachdem der Parkranger das Futter auf der kleinen Plattform verteilt hat. Mavie reckt ihren Kopf in die Höhe und sucht ungeduldig die Urwaldbäume um uns herum ab.

Es dauert nicht lange, bevor es hinter uns im Gebüsch zu rascheln beginnt, und ein Orang Utan Weibchen sich geschickt von Baum zu Baum schwingt. Innerhalb kürzester Zeit kommt noch ein Weibchen, ein kleines Baby klammert sich fest an ihren Bauch. Die Mädels sind begeistert. Vorsichtig lassen sich die Affen auf dem Holzgerüst nieder und beginnen hastig, sich Bananen ins Maul zu stopfen. Schnell verschwinden sie wieder auf einen der umliegenden Bäume, wo sie dann genüsslich ihre Beute verspeisen. Bald ist auch der Grund für ihre Eile klar: Ein riesiges Männchen bahnt sich den Weg durch das Unterholz und lässt sich gemächlich vor dem Bananenhaufen nieder. „The King“, flüstert Moncos. Auch ihm taugt’s, anscheinend lässt sich der nicht so oft blicken.

Ein Makake in den Bäumen

Neben uns machen die Affen noch ein wenig Theater, bevor sie einschlafen

Allmählich treffen noch mehr Tiere bei der Futterstelle ein. Wir sind fasziniert, wie ähnlich die Orang Utans uns sind. Sie sitzen am Baum, grinsen verstohlen, schauen neugierig oder hängen satt und zufrieden auf einer Astgabel ab. Auch die unterschiedlichen Charaktere der Tiere lassen sich gut erahnen: Während eine Mutter sich übervorsichtig um ihr Kind kümmert, lässt die andere ihr gleichaltriges Baby schon alleine in den Baumwipfeln herumturnen. Kein Wunder, dass Orang Utan auf indonesisch übersetzt „Waldmensch“ bedeutet. Über 97% der DNA der Menschenaffen ist mit unserer ident.

 

Fast eineinhalb Stunden können wir die Tiere beobachten, bevor sie sich wieder in den Wald verabschieden. Wir können uns nur schwer losreißen, doch auch für uns wird es Zeit, wieder zurück zum Boot zu wandern. Die Mücken haben uns schon ziemlich zerstochen, das wird in der Abenddämmerung sicher nicht besser.

 

Zurück beim Boot werden wir von der restlichen Crew empfangen. Wir spielen gemütlich Bauernschnapsen, während der Kapitän mit unserem Klotok noch ein kleines Stück flussaufwärts tuckert, bevor er das Hausboot bei einer Flussbiegung an den Stämmen zweier Palmen festzurrt. Er war früher Ranger und kennt die besten Übernachtungsspots. Und wirklich: Wir sitzen gerade wieder auf unserem Lieblingsplatz am Dach des Bootes, als es in den Blättern auf der anderen Flussseite raschelt. Eine Makakenfamilie lässt sich geräuschvoll auf einem der überhängenden Äste nieder. Wenig später stößt noch eine Truppe Langnasenaffen dazu, die beginnt, sich mit den Makaken um die besten Plätze zu streiten. Hedi und Mavie können nicht genug kriegen von dem Spektakel und kreischen mit den Affen um die Wette.

 

Die Tiere übernachten gerne in der Nähe eines Flusses, erklärt Moncos, weil sie sich bei Gefahr einfach ins Wasser fallen lassen. Der Leopard hat so meistens das Nachsehen, während die Affen auf die andere Seite des Flusses in Sicherheit schwimmen. Es sei denn, ein Krokodil hat sich schon günstig in Stellung gebracht.

 

Bei soviel Gerede übers Essen bekommen auch wir Hunger. Zum Glück hat unsere Köchin schon ein indonesisches Abendessen gezaubert, das wir jetzt bei Kerzenschein serviert bekommen. Sterne sind keine zu sehen, und auch der Mond hat sich hinter einer dichten Wolkendecke verzogen. Es ist stockdunkel, man sieht kaum über den Tischrand hinaus. Neben uns machen die Affen noch ein wenig Theater, bevor sie einschlafen, und auch wir machen es uns bald unter einem Moskitonetz auf unserem Matratzenlager gemütlich. Was für ein Tag!

 

Wir bleiben insgesamt drei Tage im Tanjung Puting und dürfen noch bei zwei weiteren Fütterungen dabei sein. Moncos beantwortet geduldig unsere unzähligen Fragen, zeigt uns essbare Beeren und medizinische Kräuter. Den beiden Mädels flechtet er Armbänder aus den Stängeln von Farnen. Bei einer Nachtwanderung kitzelt er Taranteln aus ihren Löchern und spürt eine giftige Schlange für uns auf. Hedi hilft ihm und findet zwei große Sprungspinnen.

 

Am letzten Tag darf jeder von uns am Rand des Parks noch einen Baum pflanzen. 2015 wütete in diesem Teil ein Feuer, bei dem über 200 Hektar Wald zerstört wurden und viele Orang Utans ums Leben gekommen sind. Moncos erzählt uns, dass sich gleich neben dem Nationalpark eine riesige Palmölplantage befindet. Der chinesische Konzern wollte dem Park damals ein Stück Land abkaufen, doch als sich die lokale Bevölkerung wehrte, hat es drei Monate später aus nie geklärter Ursache zu brennen begonnen. Ein Schelm, meint er wütend, wer dabei an einen Zufall denkt.

 

Wir teilen seinen Zorn. Über die Hälfte des Regenwaldes auf Borneo ist bereits unwiederbringlich zerstört, der Lebensraum vieler Orang Utans verloren. Die Ausbreitung der Palmölplantagen ist einer der Hauptgründe dafür. Wir nehmen uns vor, in Zukunft Produkte mit Palmöl im Supermarktregal liegen zu lassen.