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Christa & Stefan Haberl

Goldrausch

Australien 🇦🇺

Beim Superpit von Kalgoorlie

Kalgoorlie, Mai 2018

An einem sonnigen Nachmittag wandern wir durch das gut gemachte Museum von Kalgoorlie, einer kleinen Stadt 600 km landeinwärts von Perth. Wir erfahren, wie die junge englische Kolonie gerade schwer zu kämpfen hatte, als im Jahr 1894 hier in der Gegend Gold gefunden wurde. Innerhalb von wenigen Monaten zogen zehntausende Glücksritter los, um in der trockenen Halbwüste auf eigene Faust mit Schaufel und Spaten im Boden zu buddeln. 

 

Die gesamte Welt war damals von der Nachricht über die Goldfunde wie berauscht. Engländer, Iren, Deutsche, aber auch Vietnamesen und Chinesen kletterten in Perth vom Schiff und zogen mit ihren wenigen Habseligkeiten auf die Goldfelder in den australischen Outback. Hedi und Mavie inspizieren die alten Fotos, auf denen Männer auf Pferden oder endlose Karawanen mit Packkamelen zu sehen sind. Christa und Stefan lesen ungläubig, wie der Großteil den wochenlangen, entbehrungsreichen Marsch zu Fuß oder mit einem Fahrrad in Angriff nahm.

 

Die ersten Funde waren sensationell, die größten jemals gefundenen Goldnuggets stammen allesamt aus Australien. Anfangs konnten die Prospektoren die Nuggets buchstäblich vom Boden aufsammeln. Doch während einige Wenige mit ihrem neu erworbenen Reichtum protzten und ihr Geld in den schnell errichteten Salons und Bordellen von Kalgoorlie durchbrachten, erwies sich der Traum vom schnellen Glück für die meisten als Albtraum. Die harte Arbeit unter der sengenden Sonne kostete vielen ihre Gesundheit, Typhusepidemien erledigten den Rest. Der Friedhof von Kalgoorlie füllte sich schnell. Doch trotzdem harrten die Menschen aus, gruben ihre Löcher immer tiefer in die Erde.

Hauly mit einer Ladung Gestein aus dem Superpit

Hier wird gerade eines der größten Löcher der Menschheit gegraben

Bis heute ist Westaustralien von seinen Rohstoffen abhängig, in Kalgoorlie wird immer noch nach Gold gegraben. Allerdings wurden die Schächte mit der Zeit immer tiefer, der Abbau immer schwieriger. In den 1980er Jahren gaben die letzten unabhängigen Goldgräber hier in der Gegend auf. Damals wurden die einzelnen Schürfrechte von einem großen Konzern aufgekauft, seitdem wird in großen Stil über Tag abgebaut.

 

Das bekommt man auch gleich vor den Museumstoren zu sehen. In der Hauptstraße von Kalgoorlie kurven die großen Geländeautos der Minengesellschaft zwischen den alten Backsteinhäusern und Hotels. Wir machen uns auf den Weg zur offiziellen Aussichtsplattform über den „Superpit“, der heutigen Tagbaumine. Als wir den ersten Blick in den Abgrund werfen, können wir die Ausmaße der Grube kaum fassen: Mit einer Länge von 3,5 km, einer Breite von 1,5 km und einer Tiefe von 600 Metern wird hier gerade eines der größten Löcher der Menschheit gegraben. Vom Rand aus können wir zuschauen, wie riesige Trucks tonnenweise Erz aus dem Bauch der Grube karren. Jedes dieser überdimensionierten Monster fasst 240 Tonnen, auf sieben Ladungen kommt Goldstaub in der Größe eines Golfballs. 

 

Der Aufwand ist enorm. Alleine ein Tank Diesel für einen der Lastwägen kommt auf 4.000 australische Dollar, umgerechnet rund 2.500 Euro. Betankt wird jeder Truck zweimal pro Tag, vierzig Trucks sind rund um die Uhr im Einsatz. Dass sich die ganze Sache überhaupt noch rechnet, ist nur mehr dem derzeit hohen Goldpreis geschuldet.

 

Aber auch die Glücksritter von einst sind immer noch da. Am Campingplatz kommen wir mit einem älteren Paar ins Gespräch. Die beiden kommen gerade von einem mehrwöchigen Trip aus dem noch tieferen Outback zurück. „It‘s crazy out there“, meint Craig, „you wouldn‘t believe how many there are“. Anscheinend versuchen noch immer tausende jedes Jahr ihr Glück. Viele stopfen ihre Wohnwägen mit Dosenfutter und Wasserkanistern voll und suchen wochenlang den Busch mit Metalldetektoren ab. Schwere Arbeit, wie Craig meint. Sein Detektor wiegt 18 Kilo, mehr als 4 Stunden pro Tag gibt sein Rücken nicht mehr her, dann muss er aufhören.

Bucht an der Südküste Westaustraliens

Die Stimmung da draußen ist giftig, erzählt Monika

Craigs Freundin Monika kommt aus Hamburg, lebt aber schon seit Jahrzehnten in Australien. Die beiden sind schon in Pension und suchen nicht nur Gold, sondern auch das einfache Leben im Outback, versichert sie. Sie möchte die gemeinsamen Abende am Lagerfeuer, den grandiosen Sternenhimmel in einer Neumondnacht nicht missen. „Aber die Stimmung da draußen ist giftig“, erzählt Monika, „es gibt einige Wahnsinnige, die wie verbissen nach Gold suchen und jeden anderen Prospektor als Konkurrenten sehen. Da draußen regieren Misstrauen und Neid“. Das Fieber greift auch im 21. Jahrhundert noch um sich.

 

Kein Wunder: Erst 2004 stolperte ein Hobbysucher mit seinem Detektor eher zufällig über einen riesigen Nugget. Eine Million Dollar brachte das dem Finder, erklärt Craig, und auch ein Freund von ihm hat sich mit der Goldsuche sein Haus finanziert. 

 

Wir wollen wissen, ob sie auch etwas gefunden haben. Etwas enttäuscht holt Craig eine alte Filmdose hervor und zeigt den staunenden Mädchen ein paar winzige Goldnuggets, so groß wie die Spitze eines Daumennagels. „It‘s not much“, meint er, aber es sei genug für einen kleinen Anhänger aus Gold für Monika. Nächstes Jahr wollen sie weitersuchen. Wir vermuten, dass die beiden doch nicht nur wegen der Abenteuerromatik hier sind. Craig hat auf jeden Fall für den Winter bereits einen Geologiekurs in Perth gebucht.