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Christa & Stefan Haberl

In der transsibirschen Eisenbahn

Russland 🇷🇺

Mit dem Zug durch die sibirische Steppe

Irkutsk, August 2017

In einem kleinen sibirischen Kaff vertreten wir uns in den letzten Strahlen der warmen Abendsonne am Bahnsteig ein wenig die Beine. "Go home, go home!" lacht unsere Provodnitsa und winkt uns in den Wagon hinein. Die junge Schlafwagenschaffnerin ist enthusiastisch bei der Arbeit. Ihr Englisch-Wortschatz beschränkt sich allerdings auf diese beiden Wörter, die sie uns immer freudig zuruft, wenn es nach einem der vielen kurzen Zwischenstops wieder Zeit wird, in den Zug zu steigen.

 

Mittlerweile sind wir den dritten Tag mit der Transsib unterwegs, Moskau liegt über 3000km hinter uns. Unsere Uhren haben wir seit unserer Abfahrt bereits dreimal nach vorne gestellt. Heute vormittags sind wir durch die sanften Hügelketten des Urals gerollt, in ein paar Stunden werden wir den Ob überqueren.

Hedi und Mavie turnen begeistert in unserem Abteil herum. Die beiden sind auch bei längeren Aufenthalten kaum aus dem Zug zu bringen. Gerade jetzt hängt Hedi wieder wie ein kleiner Affe an der Kante des oberen Klappbetts. Wir haben uns vorab etwas Sorgen gemacht, ob den beiden während der langen Zugfahrt nicht langweilig wird, aber die Mädels sind schwer beschäftigt. Wenn nicht gerade herumgeturnt wird, bauen sie aus unseren Bettdecken Höhlen, fliegen mit ihren kleinen Pferdchen durchs Abteil, hören sich mit Kopfhörern eine Folge Bibi Blocksberg an oder spielen mit uns Uno. Die Wände unseres Abteils sind bereits über und über geschmückt mit Bildern der "Zugausstellung", die die beiden gemalt haben. 

Nikoleikathedrale in Moskau

Wo der Boden trocken genug ist, haben die Bewohner kleine Gärten angelegt

Christa und Stefan haben Zeit, Tagebuch zu schreiben, Reiseführer zu lesen, zum Fenster hinauszuschauen. Der Ausblick ändert sich allerdings wenig. Wir durchqueren eine ewige, grenzenlos scheinende Ebene. Immer wieder wechseln Wälder mit Sümpfen ab, eine bunt gefleckte Decke aus unzähligen Blumen überzieht die Landschaft. Die tief stehende Sonne taucht Bäume und Wiesen in ein warmes Licht. Der sibirische Boden ist wenig fruchtbar, das Land scheint brach zu liegen. Um so mehr überrascht es, wenn dann wieder ein ärmlich wirkendes Dorf vor unserem Fenster auftaucht. Einige der hingeworfenen Gehöfte wirken verlassen. Viele Holzhäuser sind allerdings eindeutig bewohnt, auch wenn die meist blau gestrichenen Fensterläden etwas neue Farbe vertragen könnten. Wo der Boden trocken genug ist, haben die Bewohner rund um ihre Häuser kleine Gärten angelegt und bis zum letzten Zentimeter mit Erdäpfel und anderem Gemüse bebaut. Manchmal steht auch eine einzelne Ziege oder sogar eine Kuh zwischen Haus und Bahndamm.

 

Doch Sibirien besteht nicht nur aus einsamen Dörfern und endloser Taiga. Ständig rollen uns lange Güterzüge auf ihrem Weg Richtung Westen entgegen. Ein bis zweimal pro Tag tauchen die Plattenbauten und Fabriksschlote einer größeren Stadt auf und die Aussicht vor unserem Fenster ändert sich. Die dreispurigen Ausfallsstraßen von Yekaterinburg sind mit alten Ladas und japanischen Importautos vollgestellt.

Zugjause

Mavies Palatschinken sind nicht mit Schokolade, sondern mit Kaviar gefüllt

"Können wir jetzt in den Speisewagen gehen?" Mavie reißt uns aus unseren Beobachtungen. Die letzten Tage haben wir uns fast ausschließlich von Instant Nudeln und schwarzem Tee ernährt. Die Babuschkas, die angeblich früher überall auf den Bahnsteigen warmes Essen in die Zugfenster hinein verkauften, werden anscheinend immer weniger. Nur bei einem Halt konnten wir geräucherten Fisch mit Tomaten, Gurken und Himbeeren ergattern. Wir brauchen ein wenig kulinarische Abwechslung. 

 

So spazieren wir durch die offenen Platzkartny Wagons in den Speisewagen. Die Sitzplätze sind mit billigem, grünem Plastik bespannt, es riecht nach Sowjet-Mief. Doch die riesige Speisekarte lässt hoffen. Allerdings schüttelt der Kellner bei jedem Gericht, auf das wir zeigen, den Kopf. "Njet." Hat er nicht. Schlussendlich schaffen wir es, für Mavie Palatschinken und für Hedi Chicken Wings zu bestellen. Stefan bleibt lieber beim Bier. 

 

Als der junge Kellner das Essen dann serviert, ist die Enttäuschung bei den Mädels allerdings groß. Mavies Palatschinken sind nicht mit Schokolade, sondern mit Kaviar gefüllt, Hedis Hendl ist gekocht und nicht gegrillt. Die zwei rümpfen die Nase, der Kellner lächelt amüsiert. Glücklicher Weise haben wir im Abteil noch ein paar Trockenkeks als Notration eingebunkert, die die beiden nach dem misslungenen Ausflug in den Speisewagen zusammen mit Gummischlangen genüsslich verspeisen. Auch so wird man satt.

 

"Warum steigen wir schon übermorgen aus?", will Hedi wissen, "Können wir nicht noch länger in unserem Abteil bleiben?" Könnten wir. Christa und ich freuen uns aber schön langsam auch wieder auf eine Dusche, wenn wir in Irkutsk den Zug verlassen.