© 2019 Alle Texte und Fotos
Christa & Stefan Haberl

Mit dem Zelt

durch die Mongolei

Mongolei 🇲🇳

Auf den Spuren von Genghis Khan

Mandalgovi, August 2017

Viermal so groß wie Deutschland, aber nur knapp 2,5 Millionen Einwohner: Die Mongolei leidet wohl kaum unter Platzmangel. Laut Statistik ist das Land der am dünnsten besiedelte Landstrich der Erde. Straßen gibt es nur wenige, die alle sternförmig von der Hauptstadt in die umliegenden Provinzhauptstädte führen. Um in interessante Gegenden zu kommen, ist man meist auf unbefestigten, kaum befahrenen Staubpisten unterwegs. Viele Touristen schließen sich deshalb einer Tourgruppe an, was für uns aber schlicht nicht in Frage kommt. Wir wollen selber fahren.

 

"Have a safe trip. Just call me whenever you need something." Deegii winkt uns zum Abschied noch freundlich nach, als wir ihr Büro verlassen. Wir haben gerade in Ulaanbaatar unser Mietauto von ihr übernommen und stapfen nun im strömenden Regen zu unserem verbeulten Landcruiser. Recht Vertrauen erweckend schaut er ja nicht aus. Wir können nur bei der Beifahrertüre aufsperren, und dann muss Stefan so schnell wie möglich auf den Fahrersitz klettern und die Zündung einschalten, weil nach dem Aufsperren sofort die Alarmanlage mit lautem Gehupe losbrüllt. 

Die Mongolei ist ein einziger riesiger Zeltplatz

Hunderte Ziegen grasen um unser Zelt

Aber der Motor schnurrt wie ein Kätzchen, als wir die im Regen versinkende Hauptstadt in Richtung Süden verlassen. Wir wollen trotz des Sauwetters heute noch campen, angeblich ist es im Süden trockener. Die Straße ins Provinzkaff Mandalgovi ist seit ein paar Jahren asphaltiert, und so kommen wir gut voran. Nach ein paar Stunden Autofahrt lichten sich die Wolken wirklich und geben die Bühne frei auf eine grandiose Steppenlandschaft: Sanfte grüne Hügel breiten sich bis zum Horizont vor uns aus, immer wieder kommen wir an halb wilden Pferdeherden vorbei. In der Ferne leuchten die weißen Jurten der Nomaden. 

 

Auf ungefähr halbem Weg nach Mandalgovi biegen wir von der Straße ab. Wir wollen in einem kleinen Nationalpark einen Zwischenstopp einlegen. Eine Staubpiste durchschneidet die Steppe, manchmal zweigt ein kleiner Fahrweg mal links, mal rechts zu einer der Jurten ab. Wegweiser sucht man vergebens, aber mit GPS und guter digitaler Karte am Handy ist die Navigation ein Kinderspiel. Kurz vor Sonnenuntergang haben wir einen einsamen Zeltplatz bei ein paar Granitblöcken mitten in der Weite der Steppe gefunden. Weit und breit ist keine Menschenseele zu sehen.

 

Begeistert klettern die Mädels auf den Felsen herum, während wir Abendessen kochen. Zufrieden sitzen wir wenig später mit vollen Bäuchen, einem Becher Vodka, Portwein und Orangensaft vor dem Zelt, bis uns ein kalter Nordwind relativ bald in die Schlafsäcke treibt.

Am nächsten Morgen sind wir nicht mehr alleine. Hunderte Ziegen grasen um unser Zelt, ein Hirte treibt sie auf seinem knatternden chinesischen Motorrad vor sich her. Kurze Zeit später sitzt er bei uns beim Frühstück und mampft genüsslich Butterbrot. Als er erfährt, dass wir aus Österreich sind, holt er sein Fernglas unter seinem schweren Hirten-Wollmantel hervor. "Svarovski! Austria!" ruft er begeistert. Hedi und Mavie taxiert er wohlwollend. Triumphierend streckt er dabei vier Finger in die Luft, deutet auf seine Lenden und klopft Stefan lachend auf die Schulter. Plötzlich springt er abrupt auf, pfeift seinen Ziegen und verschwindet so schnell, wie er gekommen ist, wieder auf seinem Motorrad. Keine fünfzehn Minuten später ist er mit seinen Ziegen nur mehr als kleiner Punkt am Horizont auszumachen.

Auch wir bauen nach dem Frühstück unser Zelt ab und machen uns auf den Weg nach Mandalgovi. Kurze Zeit später rollen wir in der staubigen Provinzhauptstadt ein. Es soll nur ein kurzer Stopp werden, wir wollen weiter in die Wüste Gobi. Schnell ist Proviant gekauft, dann noch zur Tankstelle, um Sprit aufzufüllen. 

Morgenstimmung bei einem Zeltplatz im Zentrum

Wir hängen bereits seit ein paar Stunden auf der Tankstelle fest

Doch als Stefan nach dem Tanken den Zündschlüssel umdreht, springt der Motor unseres Landcruisers nicht mehr an. Interessiert steckt der Tankwart seinen Kopf beim Fenster herein. Auch er probiert. Wieder nichts. Gemeinsam schieben wir die schwere Karre zur Seite. Nach ein paar mehr Versuchen geben wir auf. "Auto Service", meint der Tankwart. Zeit, die Dame von der Autovermietung in der Hauptstadt anzurufen. Doch blöderweise hebt Deegii nicht ab. Kurze Zeit später piepst Stefans Handy: "Can't speak right now. Please text me. Deegii." Die nächsten, ratlosen SMS Nachrichten von uns bleiben unbeantwortet. Deegii hat ihr Telefon bereits abgedreht.

 

Dafür hat mittlerweile der Tankwart einen Freund organisiert, der sich offenbar mit Autos auskennt. Uns beachtet er nicht weiter, aber innerhalb kürzester Zeit hat er den halben Motor auseinander genommen, kontrolliert Batterie, Zündkerzen und Benzinpumpe. Nach einer Stunde gibt auch er ratlos auf. "Toyota. Japan. No good!"  meint er und deutet auf seinen alten russischen Jeep: "Good!" ruft er. Nur uns hilft das leider auch nicht weiter. Ohne weiteres Aufheben schraubt er stillschweigend alles wieder zusammen und macht sich aus dem Staub. Gesprächig sind die Mongolen ja nicht.

 

Inzwischen ist es zwei Uhr nachmittags, wir hängen bereits seit ein paar Stunden auf der Tankstelle fest und sind ein wenig verzweifelt. Endlich gelingt es uns doch noch, den Chef von Deegii ans Telefon zu bekommen. Er entschuldigt sich gleich, und er wisse auch, was mit dem Auto los ist: Der Chip im Zündschlüssel funktioniere nicht richtig, deshalb ginge auch die Alarmanlage jedesmal los. Als wir ihm allmählich begreiflich machen können, dass wir mit diesem Auto nicht in die Wüste fahren wollen, verspricht er, ein Ersatzauto aus der Hauptstadt zu schicken: "My driver can be in Mandalgovi in three hours". Wir schauen auf die Uhr. Fünf Uhr würde passen, da hätten wir noch genügend Zeit, uns einen Zeltplatz für die Nacht zu suchen.

 

Wir machen es uns im verwilderten Park der Stadt gemütlich und warten. Um 6 Uhr organisieren wir uns ein Abendessen. Als es um 8 Uhr finster wird, nehmen wir uns im einzigen Hotel der Stadt ein Zimmer. Um 11 Uhr gehen wir ein wenig frustriert schlafen. Eine halbe Stunde vor Mitternacht klingelt dann Stefans Telefon. Der Fahrer mit dem Ersatzauto sei hier. Ob wir doch bitte Auto tauschen könnten. "Sorry", heute nicht mehr, gähnt Stefan ins Telefon. Das muss jetzt bis morgen warten.

 

Am nächsten Morgen lächelt der junge Fahrer etwas verlegen. Es hat gestern ein wenig länger gedauert, bis er aus Ulaanbaatar weggekommen ist. Er hat die Gelegenheit genutzt und mit dem Auto noch ein paar Freunde besucht. Egal, wir tauschen Landcruiser, obwohl der neue Kübel nicht recht viel besser aussieht. Die Ziffern auf dem Tachometer zeigen weit über 200.000km, aber zumindest geht die Alarmanlage nicht los, als wir aufsperren.

 

Das neue Auto hält. Die nächsten Wochen zelten wir an unglaublich schönen Plätzen, meist sind wir dabei völlig alleine. In der Gobi klettern wir auf Sanddünen, in der Zentralmongolei schlagen wir unser Zelt bei bizarren Felsen in der weiten Grassteppe auf. Und die Kinder sind das erste Mal auf der Reise mit dem Essen vollkommen zufrieden: Es gibt fast jeden Tag Nudeln mit roter Sauce.