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Christa & Stefan Haberl

Reif für die
Gewürzinsel

Indonesien 🇮🇩

Fahrt auf die Molukken

Banda Neira, Februar 2018

Die Anreise übers Meer war einigermaßen hart, drei Nächte und vier Tage sind wir vom regenverhangenen Surabaya bis nach Ambon unterwegs. Die Dobonsolo, unser altes, vom Rost zerfressenes Passagierschiff, das uns von der Insel Java auf die Molukken in Ostindonesien bringen soll, ist heillos überfüllt. Die Indonesier haben sich so gut wie möglich eingerichtet: Viele haben sich am Gang oder auf den Stiegen einen Platz zum Schlafen organisiert. Ein Offizier weist uns als einzige Ausländer am Schiff immerhin eine Kabine zu, doch eine Türe hat die Schlafkoje schon länger nicht mehr. Dafür bekommen wir Besuch von jeder Menge Ungeziefer, die in allen Ritzen, auf den Wänden, am Klo, und unter der Matratze fröhlich herumkrabbeln.

 

Bei uns kommen erstmals Zweifel auf, ob wir die ganze Reise wirklich unbedingt auf dem Land- bzw. Seeweg bewältigen müssen. Es ist überall heiß und stickig, das Essen am Schiff ist grottenschlecht (und zu wenig). Die Kakerlaken, die Stefan in der Nacht über das Gesicht kriechen, zeigen uns unsere Grenzen an Belastbarkeit auf.

Doch als wir in die tiefblaue Bucht von Ambon einlaufen, sind die Strapazen schnell vergessen. Die Sonne lacht vom Himmel, die größte Stadt der Molukken liegt aufgeräumt auf den grünen Hängen der sanften Hügel, die die Bucht umrahmen. Die goldene Kuppel der Moschee glänzt in der Sonne, daneben ragt das Kreuz der Santa Maria Kirche in den Himmel. In Südchina haben wir das erste Mal von den Gewürzinseln gelesen, jetzt haben wir es tatsächlich ohne Flug bis Ambon geschafft! Als die Taue der Dobonsolo am Kai festgemacht werden, stehen wir an Deck und strahlen über das ganze Gesicht.

Die Dobonsolo im Hafen von Ambon

Tropische Hitze legt sich über die Häuser der Kleinstadt

Von Ambon aus ist es nur mehr eine kurze Nachtfahrt auf einem weiteren Schiff bis nach Bandaneira, der kleinen Hauptinsel des Banda Archipels. 200 Kilometer von Ambon entfernt liegen hier zehn winzige Inseln wie hingewürfelt im türkisblauen Meer der Banda See, vor uns ragt der Vulkankegel des Gunung Api direkt vom Meer aus steil in die Höhe.

 

Die natürliche, geschützte Bucht von Bandaneira war in diesem abgelegenen Winkel der Welt lange Zeit einer der wichtigsten Häfen der holländischen VOC, der Vereenigde Oost-Indische Compagnie. Nur hier wuchs auf einer handvoll kleiner Inseln der Muskatnussbaum, dessen Früchte im weit entfernten Europa höhere Preise als Gold erzielten. Wer den Handel kontrollierte, konnte sagenhaften Reichtum anhäufen. Die Holländer bauten riesige Wehranlagen, um ihre Ansprüche gegenüber den Engländern und Portugiesen durchzusetzen.

 

Mittlerweile sind die Gewürzinseln längst wieder in Vergessenheit geraten, doch noch immer zeugen zahlreiche alte, halb verfallene Kolonialbauten von der einstigen Bedeutung Bandaneiras. Tropische Hitze legt sich über die Häuser der Kleinstadt, während wir vom Hafen aus eine enge Gasse zum Markt hinunter schlendern. Wir fühlen uns ein wenig in ein anderes Zeitalter versetzt: Auf den Bandas gibt es noch keine Autos, Männer verladen das Frachtgut von unserem Schiff auf Mopeds und auf große Schubkarren aus Holz. Auf den Straßen liegen Kenarinüsse und Chili zum Trocknen aus, in Lagerhallen stapeln sich Muskatnüsse, die einen leicht bitteren Duft verströmen. Händler bieten Zimtrinde und Säcke voller Nelken zum Verkauf an. Neben den Gewürzen stehen Coladosen, Klopapier und Instantkaffeepulver in den offenen Fenstern der Verkaufsläden. 

 

Wir wandern bis zum kleinen Pier am Ende des Marktes, wo Fischer gerade den Fang von letzter Nacht entladen. Hausfrauen drängen sich um die Boote, um die besten Stücke zu ergattern. Alles, was nicht sofort verkauft wird, wird lauthals angepriesen: Silbern glänzende Thunfische, riesige Barrakudas, kleine Sardinen und ein Haufen anderer Fische, deren Namen wir nicht kennen.

Der Gunung Api auf Banda Neira

Unter uns paddeln Wasserschildkröten elegant durch das sonnendurchflutete Blau

Die meisten Fischer leben auf einer der kleinen Inseln rund um Bandaneira, und auch wir wollen mit einem Boot mit auf die eine Stunde entfernte Insel Hatta. Das Holzboot unseres Kapitäns wird vor der Abfahrt noch mit allem Möglichen beladen, das auf Hatta gebraucht wird: Große Trinkwasserkanister wandern ins Boot, dazu Gemüse, eine Schachtel Bier und Fliesen. Zu Mittag tuckern wir los.

 

In Hatta spricht uns beim Pier gleich Ridjal an. Wie so einige andere versucht auch er, etwas Geld mit Touristen zu verdienen. Vor drei Jahren gab es erst vier Zimmer auf der Insel, mittlerweile sind es schon fünfzehn. Ridjal hat in einer großen Bucht zwei neue Bambushütten gebaut. „Lookie, lookie?“ Wir willigen sofort ein, als er uns fast schüchtern fragt, ob wir sie uns anschauen wollen.

 

Ridjal erweist sich als Glücksgriff. Die einfachen Hütten stehen an einem kleinen Hang vor unserem Privatstrand, umgeben von Kenaribäumen, Kokospalmen und Bananenstauden. Vor uns glitzert das glasklare Meer. Wir holen unsere Taucherbrillen aus dem Rucksack und stürzen uns gleich ins badewannenwarme Wasser. Wir haben schon von anderen Reisenden gehört, dass es hier schön zum Schnorcheln sein soll, doch die Welt, die uns unter der Wasseroberfläche erwartet, haut uns fast um. Ein bunter Unterwassergarten breitet sich vor uns aus: Korallen in allen Farben und Formen wachsen uns entgegen, unzählige bunte Fische schweben an uns vorbei. Die Sicht ist ausgezeichnet, wir haben das Gefühl, in einem Aquarium zu schwimmen. 

 

Keine hundert Meter vom Strand entfernt bricht das Riff steil ab. Hier stehen riesige Fischschwärme, unter uns paddeln Wasserschildkröten elegant durch das sonnendurchflutete Blau. Stefan ist mit Hedi draußen im Wasser, als keine zwei Meter von ihnen entfernt ein Schwarzspitzenhai in der Strömung steht. Ein wenig später zupft ihn Hedi am Bein: Ein riesiger, gelb gepunkteter Rochen gleitet unter uns vorbei. Wir sind den Rest des Tages mehr im Wasser als draußen, können uns kaum losreißen.

 

Als es finster wird, entfacht Ridjal am Strand ein kleines Lagerfeuer. Er war am Nachmittag mit seinem Boot fischen, jetzt legt er einen der großen Fische, die wir gerade noch draußen am Riff herumschwimmen gesehen haben, auf einen kleinen Rost über die Glut. Hedi und Mavie haben ihm zuvor schon fasziniert beim Ausnehmen und Schuppen des Fisches zugeschaut. Wir holen noch Bier vom Dorf, Ridjal steuert Kokosnussschnapps bei. Wenig später verkriechen wir uns satt und zufrieden unter unser Moskitonetz, während der Mond silbern auf das Wasser scheint und die Grillen im Wald hinter uns zirpen. Wir sind uns einig: So ein Inselleben könnten wir länger aushalten.