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Christa & Stefan Haberl

Warten ohne Ende

Indonesien 🇮🇩

Unterwegs mit PELNI

Ende, März 2018

In vier Tagen läuft unser 60 Tage Visum für Indonesien läuft aus, aber wir wollen unbedingt noch einen Abstecher auf den Kelimutu im bergigen Inneren der Insel Flores machen. Jetzt frieren wir ein wenig, als wir kurz vor Sonnenaufgang am Gipfel des Vulkans sitzen und die drei türkisblauen Kraterseen bewundern. Langsam kriecht die Sonne über den Horizont, während der Himmel über den Bergen sich rosa verfärbt.

 

Indonesien hat uns mit seinen gewaltigen Naturschauplätzen, seinen vielfältigen Bewohnern, seinen krassen Gegensätzen wieder einmal in seinen Bann geschlagen. Doch es heißt Abschied nehmen: Schon am nächsten Morgen quetschen wir uns in einen bunt bemalten Bus, der auf der Bergstraße ins Tal rauscht und uns mit in die Hafenstadt Ende nimmt. Junge Burschen sitzen am Dach oder surfen in der offenen Bustür, drinnen dröhnt laute indonesische Popmusik.

 

In Ende angekommen schauen wir gleich in den Hafen. Angeblich fährt heute nachmittag noch eine Fähre nach Timor, unserer letzten Station in Ostindonesien. Das Hafengelände schaut auf den ersten Blick allerdings nicht sehr aufgeräumt aus. Mehr nach Baustelle, beziehungsweise eher nach Schutthalde. Nach ein wenig Suchen findet sich ein Bauarbeiter, der uns zu einer Baracke führt. Dort hängen tatsächlich Abfahrtszeiten an einer Tafel angeschlagen. Der Arbeiter lacht übers ganze Gesicht und ist sehr zufrieden, dass er uns helfen konnte. Als wir ihn darauf aufmerksam machen, dass die letzte Abfahrtszeit leider vom August vor zwei Jahren ist und auf das Datum zeigen, streckt er einen Daumen in die Höhe und nickt energisch.

Vulkan auf Flores

Am Nachmittag schüttet es aus Kübeln. Wir drehen trotzdem eine Runde durch das triste Ende

Zum Glück gibt es zwei Ecken weiter eine Tourist Info. Wie immer in Indonesien spielen sich herrliche Szenen ab. Als wir das Büro betreten, laufen fünf uniformierte Beamte zusammen, um die Touristen zu bestaunen. Als sie begreifen, dass wir wirklich Information brauchen, werden sie ratlos. „Fährzeiten? Nein, keine Ahnung.“ Ob wir uns nicht ins Gästebuch einschreiben wollen? Schließlich telefoniert ein Angestellter doch mit einem Freund. Morgen, um 10 Uhr, geht eine Fähre nach Timor. Ziemlich sicher. Wir checken einmal in einem stickigen Hotelzimmer ein. 

 

Am Nachmittag schüttet es aus Kübeln. Wir drehen trotzdem eine Runde durch das triste Ende, um noch etwas über die Abfahrtszeit herauszufinden. Durch Zufall stolpern wir über einen jungen Mann mit perfektem Englisch. „Ja, ja, die Fähre fährt morgen“, versichert er uns, das wisse er genau, denn seine Frau fährt oft nach Kupang in Timor. Allerdings fährt das Schiff erst um 14 Uhr und von einem Pier am anderen Ende von Ende. Zufrieden, dass wir jetzt die richtige Info haben, lassen wir die Sache für heute ruhen. Es macht nicht so viel Spaß, im strömenden Regen durch eine Stadt zu latschen, die keine Gehsteige, dafür zahlreiche tollwütige Minibusfahrer hat.

 

Nach einer Nacht in unserem spartanischen Hotelzimmer packen wir zusammen und fahren mit zwei Ojeks, den allgegenwärtigen Mopedtaxis, zum Pier. Die Mopedfahrer zucken zwar mit keiner Wimper, für Christa und Stefan ist es aber trotzdem eine anstrengende Fahrt: Zwischen dem Fahrer und uns sitzt jeweils ein Kind eingequetscht, hinten am Rücken hängt der schwere Rucksack.

 

Umso größer ist die Enttäuschung, als wir bei der Ankunft am Hafen die Einzigen sind, die am Pier stehen. Wir finden einen Security Typen, der mit Händen und ein wenig Englisch bereitwillig Auskunft gibt. „Nein, um 14 Uhr gibt’s keine Fähre nach Timor“, da sei er sich ganz sicher. Aber, das wisse er auch ganz genau, um 19 Uhr am Abend fährt ein Schiff.

Familie am Markt von Ende

Mittlerweile war Schichtwechsel, der Neue weiß nichts von einem Schiff

Anscheinend hat die Fähre Verspätung, die paar Stunden können wir leicht überbrücken. Wir machen es uns am Stadtstrand gleich neben dem Hafen gemütlich. Der Strand mit seinem schwarz glänzenden Sand, dem blauen Meer und dem grün bewachsenen Vulkan im Hintergrund hätte durchaus Potenzial, nur haben wir leider das Gefühl, in einem Plastikmüllberg zu sitzen. Hedi und Mavie stört das nicht. „Da finden wir wenigstens was zum Spielen!“, erklärt Hedi und baut mit Mavie aus Sand und Müll einen Spielplatz für ihre Stofftiere.

 

Die Stunden zerrinnen langsam. Die Mädels werden beim Sandspielen immer wieder von Indonesiern umringt, die stumm dastehen und interessiert schauen - Kinder, Frauen mit Baby am Arm, Männer mit Zigarette. Sie genießen den Feierabend am Strand und bestaunen die seltenen Ausländerkinder. Mavie beschwert sich immer wieder bei uns, weil ihr wer in die Wange zwickt und dabei „chantik, chantik!“ ruft: „hübsch, hübsch!“ 

 

Als die Sonne schon tief am Horizont steht und am Pier noch immer nichts auf eine baldige Fährabfahrt hindeutet, dreht Stefan nochmals eine Runde auf der Suche nach dem Security Angestellten von heute früh. Mittlerweile war Schichtwechsel, der Neue weiß nichts von einem Schiff. Vielleicht um 21 Uhr am Abend. Könnte sein. Er schickt Stefan in eine halbverfallene Betonbaracke, in der zwei Indonesier zu wohnen scheinen. Sie zeigen auf ein verstaubtes Schild, das in einer Ecke am Boden liegt. „100.000 Rupiah“. Soviel kostet die Überfahrt nach Timor. Schön und gut, wann das Schiff fährt, können sie uns aber wirklich nicht sagen.

 

Wir sind nicht so erpicht darauf, im Finsteren am Strand zu sitzen und darauf zu warten, dass keine Fähre kommt. Also schultern wir schließlich unsere Rucksäcke und organisieren uns zwei Mopedtaxis zurück ins schäbige Hotel.

 

Neuer Tag, neues Glück. Anfangs scheint sich das Spiel vom Vortag zu wiederholen. Jeder weiß von einer Fähre, keiner kann uns eine genaue Abfahrtszeit oder auch nur den richtigen Abfahrtsort nennen. Doch um 16 Uhr am Nachmittag läuft tatsächlich ein Passagierschiff ein. Das fährt zwar nicht direkt nach Timor, aber die Richtung passt.

 

Mehr als 24 Stunden und zwei Zwischenstopps später gehen wir tatsächlich in Kupang in Westtimor von Board. Gerade noch genug Zeit, um in einen Minibus umzusteigen und kurz vor Ablauf unseres Visums nach Osttimor zu düsen.