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Christa & Stefan Haberl

Zivilisiertes Wandern

China 🇨🇳

Auf den Gipfeln des Huang Shan

Huang Shan, Oktober 2017

China hat sich radikal verändert, seit wir vor 13 Jahren das Land das letzte Mal bereist haben. Mittlerweile überspannt ein weit verzweigtes Netz an Hochgeschwindigkeitszügen das ganze Land. Neue Autobahnen führen in die letzten Winkel der abgelegensten Provinzen. In jeder größeren Stadt wird nicht an einer, sondern an fünf neuen U-Bahn Linien gleichzeitig gebaut. Überall schießen Hochhäuser wie Schwammerl aus dem Boden. Selbst die von uns gefürchteten grauslichen chinesischen Klos gibt’s kaum mehr. Das Tempo, in dem sich das Land ins 21. Jahrhundert katapultiert, ist schwindelerregend. 

 

Eines hat sich allerdings trotz des modernen Anstrichs nicht geändert: Die Chinesen können uns noch immer überraschen - vor allem, wenn sie in Gruppen auftreten. Meist freundlich und neugierig, oft richtige Checker, manchmal ein wenig anstrengend, immer laut. Wie zum Beispiel am Huangshan. Der Berg liegt mitten im Zentrum des Landes und gilt als Geburtsort des chinesischen Tourismus, weit über eine Million Chinesen besuchen das Massiv jedes Jahr. Es gibt wohl kaum einen besseren Ort, um mit Chinesen gemeinsam ein Bergerlebnis zu feiern:

Menschenmassen am Berg

Langsam schiebt sich kurz nach 6 Uhr die Sonne über die Bergkette im Osten

„Mir is sooo kalt!“ Hedi wickelt sich in die Daunenjacke, die wir vom Hotel bekommen haben. Gemeinsam mit Christa und Mavie steht sie im Finsteren auf der Aussichtsplattform und wartet auf den Sonnenaufgang, es hat kaum über Null Grad. Stefan ist schon vor einer Stunde los, um sich einen guten Platz zum Fotografieren zu suchen. 

 

Wir sind gestern mit der neuen Doppelmayr Gondel auf das 1800 Meter hoch gelegene Bergplateau hinaufgefahren. Aber anstatt der spektakulären Granitformationen, für die der Huangshan berühmt ist, haben wir nur eine weiße Nebelwand zu Gesicht bekommen. An bis zu 280 Tagen im Jahr hüllt sich der Berg in eine Nebeldecke, doch heute Früh ist der Himmel sternenklar, als der Horizont sich rot zu verfärben beginnt.

 

Langsam schiebt sich kurz nach 6 Uhr die Sonne über die Bergkette im Osten und beleuchtet Steintürme und bizarre Felsformationen, die hier poetische Namen bekommen haben. „Steinaffe-schaut-über-das-nördliche-Wolkenmeer“ und „Ich-beginne-an-den-schönsten-Berg-zu-glauben-Gipfel“ strahlen zuckerlrosa, als sich Hedi und Mavie die Kälte aus den Beinen hüpfen. Ein strahlend schöner Herbsttag bricht an. Alleine sind wir bei diesem Naturschauspiel allerdings nicht. Praktisch alle Touristen, die mit uns auf dem Berg übernachtet haben, sind schon früh auf den Beinen. Unzählige Fotografen haben ihr Stativ aufgebaut. Es wird hektisch fotografiert und laut geschnattert.

Trotzdem ist alles noch relativ friedlich im Vergleich zum Rest des Tages. Pünktlich um 8 Uhr beginnt auch heute die Seilbahn die ersten Tourgruppen auszuspucken, und binnen kürzester Zeit bricht der Trubel über uns herein. Tourguides schwenken ihre Fahnen und brüllen ins Megaphon. Gruppen mit orangenen Kapperln, roten Jacken und gelben Anstecknadeln wälzen sich laut schwatzend über den Berg. Tausende von ihnen. Viele Chinesen schleppen ein Plastiksackerl mit, vollgestopft mit Süßigkeiten, Instant Nudeln und Thermoskanne. 

Dorf am Fuß des Huangshans

Wie ein bunter Drache schlängeln sich die Menschenmassen den Berg hinauf

Wir mischen uns in die Menge. Die Wanderwege sind gut ausgebaut: Alles ist gepflastert und betoniert, tausende Stufen führen steile Anhänge hinauf und wieder hinunter. Die Mädels hüpfen begeistert auf und ab, Christas und Stefans Knie beschweren sich ein wenig. Wem das alles zu anstrengend ist, der kann sich für ein paar Euro in einer Sänfte den Berg hinauf tragen lassen. Die Träger schwitzen gehörig, als sie mit ihren schlechten Schuhen einen korpulenten Stadt-Chinesen bei uns vorbeitragen. Den scheint das allerdings nicht weiter zu stören. Sobald er uns mit der Kamera erblickt, grinst er übers ganze Gesicht und streckt die Hände zum Victory Zeichen in die Höhe.

 

Wie ein bunter Drache schlängeln sich die Menschenmassen weiter den Berg hinauf. Je höher wir kommen, umso ausgelassener scheint die Stimmung. Schilder in chinesischer und englischer Sprache ermahnen zu gutem Benehmen. „Bring deine besten Manieren mit“, gefällt uns ganz gut, angesichts des Tumults rund um uns herum küren wir allerdings „Zivilisiertes Wandern ist fröhliches Wandern!“ zu unserem eindeutigen Lieblingsspruch.

 

Am „Hellen-Gipfel-Berg“ treffen sich alle Wege, das Stimmengewirr schwillt zu einem Orkan an. Hunderte Leute fotografieren, lachen, schreien und sind begeistert von ihrem Gipfelerlebnis. Es dauert nicht lange, bis uns eine junge Chinesin entdeckt und freudestrahlend auf uns zustürzt. Ausländer! Mit Kindern! Mit zwei Kindern! Mit zwei Mädchen! Sie muss unbedingt ein Foto von uns haben. Hedi und Mavie setzen ihren mittlerweile gut trainierten Fotoblick auf und das Shooting beginnt, innerhalb kürzester Zeit hat sich eine Schlange gebildet. Alle gestikulieren wild, alle wollen einen Schnappschuss mit den beiden. Hedi und Mavie sind höchst erfreut über die Süßigkeiten, die sie abstauben, sie sammeln fleißig Foto-Punkte. Für Christa und mich wird’s allerdings ein wenig schwierig, in Ruhe die Aussicht zu genießen.

 

Gegen Abend lässt der Ansturm ein wenig nach, die Tourgruppen sind mit der Gondel bereits wieder ins Tal gerauscht. Wir wollen noch eine weitere Nacht am Berg bleiben und genießen in relativer Ruhe noch die letzten Sonnenstrahlen. Jetzt am Abend zeigt sich der Huangshan wieder von seiner majestätischen Seite. Längst sind die Schatten wieder in die engen Schluchten gekrochen, die teils 500 Meter hohen Felswände glühen im letzten Abendlicht. Nach all dem Getose während des Tages erahnen wir wieder etwas von der Faszination, die von diesem Berg und seinen steilen Flanken ausgeht. Ein wenig bleiben wir noch ehrfürchtig sitzen und sehen zu, wie die Sonne langsam hinter den Hügeln verschwindet, doch bald treibt uns die Kälte zurück ins warme Hotelzimmer.